08.08.2024
24-Jähriger wird für DBB-Team immer wichtiger
Isaac Bonga hat sich bei der Nationalmannschaft endgültig zu einem der Schlüsselspieler entwickelt und zuletzt sogar die drittmeisten Minuten hinter den beiden Stars des Teams absolviert. Möglich macht das seine enorme Vielseitigkeit in der Defensive - aber auch die Tatsache, dass die einst größte Schwäche momentan wie eine Stärke aussieht.

Viel wirkt in diesen Tagen sehr vertraut beim DBB-Team. Das liegt in erster Linie daran, dass Vieles tatsächlich vertraut ist: Der Kader ist über zwei Jahre nahezu unverändert, Abläufe und Rollen stimmen, die Ergebnisse sowieso. Deutschland hat aktuell 13 Spiele in Folge bei großen Turnieren gewonnen. So unfassbar das auch ist - irgendwie ist es Normalität geworden.
Wer etwas genauer hinsieht, kann bei Olympia aber doch ein paar Unterschiede ausmachen im Vergleich zur WM. Die Offense wird noch immer von den beiden "Rennpferden" (O-Ton Gordon Herbert) Dennis Schröder und Franz Wagner getragen, die Anteile des Jüngeren gerade zum Ende von Spielen waren bisher jedoch etwas größer als 2023. Der dritte Kreative im Bunde spielte derweil seit der ersten Halbzeit des Brasilien-Spiels gar keine Rolle mehr auf dem Court.
Maodo Lo hat für dieses Team einige legendäre Leistungen gezeigt und einen sehr wichtigen Part gespielt - aktuell scheint er außen vor, was vor allem daran liegt, dass Herbert noch mehr als in den vergangenen Jahren Defense zum Steckenpferd des Teams erkoren hat. Und dass er mit Nick Weiler-Babb sowie Isaac Bonga zwei Reserve-Guards zur Verfügung hat, die bisher maßgeblich sind für diese noch etwas giftigere Identität.
Gerade Bonga hat sich zu einem der wichtigsten Spieler des Teams entwickelt.
Bonga gehört zu der seltenen Spezies Spieler, die defensiv alles beherrschen. Er ist trotz seiner Länge (2,03m) schnell genug, um vor kleinen Guards zu bleiben und diese über das ganze Feld unter Druck zu setzen. Er ist aber auch groß und kräftig genug, um gegen Bigs auszuhelfen oder sie teilweise zu übernehmen, wie kürzlich gezeigt gegen Giannis Antetokounmpo.

Hat er ausnahmsweise mal ein leichteres Matchup, ist er ein starker Helper abseits des Balles, immer wieder gut für einen Ballgewinn oder einen Block - seine größte Szene im DBB-Dress ist bis dato eine, die von der Szene unmittelbar davor historisch in den Schatten gestellt wurde.
Sekunden, nachdem Andreas Obst im WM-Halbfinale gegen die USA Tyrese Haliburton auf die Bretter schickte, war es Bonga, der von der Weakside heranrückend Mikal Bridges am Korb abräumte.
Seine defensive Vielseitigkeit führt dazu, dass Bonga in jeder Art von Lineup eine Rolle spielen kann. Er kann in gigantischen Aufstellungen den offiziellen Shooting Guard geben, neben Small Forward Franz und zwei Bigs (und Kettenhund Dennis Schröder) bietet das gegnerischen Offensiven dann nahezu keine Angriffsfläche.
Er ist aber auch prädestiniert für Small-Ball, kann beide Forward-Rollen spielen, wenn Tempo priorisiert werden soll. Zumal er jederzeit dazu in der Lage ist, nach eigenem Rebound oder Steal schnell umzuschalten und den Ball selbst in Transition nach vorne zu bringen.
Früher hätte man ihm vielleicht vorgeworfen, dass er auf keiner Position so richtig zuhause ist. Heute ist diese Ansicht veraltet - es macht ihn umso wertvoller. Weshalb es nicht verwundert, dass Herbert Bonga zuletzt immer mehr spielen ließ: Auf 21 Minuten gegen Brasilien folgten 22 gegen Frankreich und 29 gegen Griechenland, als nur Schröder und Wagner mehr als er spielten.
In Halbzeit zwei "startete" Bonga dabei auch anstelle von Andreas Obst, der, ähnlich wie Lo, vor allem aufgrund defensiver Angreifbarkeit bisher eine kleinere Rolle spielt als noch 2023 (mit Ausnahme des Brasilien-Spiels). Möglich ist dieser Switch auch deshalb, weil Bonga auch in Obsts Kerndisziplin momentan richtig gut aussieht.
Um das klarzustellen: Natürlich ist Bonga als Shooter bei weitem nicht auf dem Level seines bisherigen Teamkollegen vom FC Bayern Basketballs, was sich nicht zuletzt dadurch ausdrückt, dass Obst bei jedem Schritt ein Verteidiger auf dem Fuß steht und Bonga in der Ecke des Öfteren stehen gelassen wird. Er wird jedoch immer besser darin, diese Offenheit zu bestrafen.
Im Turnier steht Bonga bei überragenden 10/16 von der Dreierlinie, bei exakt diesem Wert stehen auch Kevin Durant und Devin Booker. Nur vier Spieler (Yuki Kawamura, Bogdan Bogdanovic, Schröder und Sergio Llull) haben im Turnier bisher öfter von Downtown getroffen. Dem Ruf nach passt Bonga überhaupt nicht auf diese Liste.
Seine NBA-Karriere (143 Spiele zwischen 2018 und 2022) kam nicht zuletzt deshalb nie in richtig in Gang, weil Bonga offensiv zu harmlos agierte; er warf fast nie (0,91 versuchte Dreier pro Spiel) und war als Ballhandler nicht reif genug, um mit größeren Playmaking-Aufgaben betraut zu werden.
Die Defense war nie das Problem - das Defensiv-Rating der Wizards war über zwei Jahre um exzellente 9 Punkte besser, wenn Bonga spielte -, die Offense führte dazu, dass es in der NBA keine konstante Rolle für ihn gab und er sich im Sommer 2022 von dieser Bühne verabschiedete. Es muss vielleicht aber nicht dabei bleiben.
Über die zwei Jahre bei Bayern hat Bonga endlich konstante Spielpraxis bekommen und mehr Sicherheit gefunden. Er ist nun ein reiferer Offensivspieler, auch wenn er hier nie die Rolle eines primären Creators einnehmen wird. Das muss er auch nicht - Bonga bringt mittlerweile alles mit, um ein starker Glue-Guy zu sein. So langsam aber sicher auch den Wurf.

37% traf Bonga wettbewerbsübergreifend in Jahr 1 in München, 38% im vergangenen Jahr. Das ist nicht elitär, zumal er oft Platz dafür bekommt, es ist aber auch nicht (mehr) die Großbaustelle, die es so kompliziert macht, eine Offense mit ihm zu konstruieren, die auf dem höchsten Level funktioniert.
Das DBB-Team ist dafür ein gutes Anschauungsbeispiel - eins, das natürlich von der gesamten Basketball-Welt gesehen wird. Das auch für ihn Türen öffnen könnte, beziehungsweise schon geöffnet hat.
Bereits vor einem Monat verkündeten die Bayern den Abschied des Nationalspielers - "innerhalb der EuroLeague", wie es in der Pressemitteilung hieß. Offiziell ist der neue Verein noch immer nicht verkündet, schon vor der Bayern-PM wurde indes von vielen Medien berichtet, dass es sich um Partizan Belgrad handeln wird.
"Ich habe jetzt eine neue Herausforderung", wurde Bonga damals zitiert. Angeblich hat er beim Klub von Trainerlegende Zeljko Obradovic einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Es wäre der nächste Schritt für Bonga, auch wenn das alte Powerhouse eine enttäuschende Saison ohne Titel (und Platz 11 in der EuroLeague) hinter sich hat.
Belgrad ist dennoch ein hochambitioniertes Team, gespickt mit ehemaligen NBA-Spielern, das über die letzten Jahre immer wieder auch eigene Spieler an die NBA "verloren" hat. Darunter auch Dante Exum, ein Guard, der aufgrund von Verletzungen und einem schwachen Wurf bei seinem ersten NBA-Stint nie Fuß fasste, zwei Jahre in Europa spielte, seinen Wurf reparierte und vergangene Saison einen (in der Regular Season) wertvollen Part für die Dallas Mavericks spielte.
Bonga ist nicht Exum - er wird seinen eigenen Weg gehen. Er ist noch immer erst 24, fast vier Jahre jünger als Exum bei dessen Rückkehr. Er MUSS gar nicht zurückkehren. Der Punkt ist: Macht er so weiter wie zuletzt, wird es wohl nicht an fehlendem Interesse scheitern. Wer so verteidigen kann und seinen Wurf trifft, der kann seine Rolle finden. In jedem Team.
Ole Frerks